Gesichtspunkte zur biologisch-dynamischen Züchtungsforschung

In den Jahren 1922/23 traten Landwirte an Rudolf Steiner, den Begründer des Biologisch-Dynamischen Landbaues, heran und fragten ihn um Rat, da sie eine zunehmende Degeneration des Saatgutes und mancher Kulturpflanzen zu beobachten meinten. Die Frage lautete: „Was ist zu tun, um den Zerfall der Saatgut- und Ernährungs-Qualität aufzuhalten?“ (Köpf u. v.Plato, 2001). Das war der Beginn, sich in diesem Umfeld mit Fragen zur Pflege des Saatgutes, Sortenerhaltung und Neuzüchtungen zu befassen. Weitere Gesichtspunkte für das Aufgreifen der Saatgutfrage kamen hinzu, als Rudolf Steiner 1924 den ’Landwirtschaftlichen Kurs’ hielt.

Der Organismusgedanke in der bio-dynamischen Züchtung

Die Landwirtschaft als Organismus zu betrachten, ist einer der wesentlichen Gesichtspunkte des Biodynamischen Landbaus. Nach Steiner (1924) erfüllt eine Landwirtschaft ihr Wesen - im besten Sinne des Wortes -, wenn sie als “eine wirklich in sich geschlossene Individualität“ aufgefasst wird. Deshalb müsste “eine gesunde Landwirtschaft dasjenige, was sie selber braucht, in sich selber auch hervorbringen können“.

Der Organismusgedanke spiegelt wider, dass alle seine einzelnen Glieder in wechselseitigen Verhältnissen stehen und sich gegenseitig bedingen. Idealerweise sollte demnach das Saatgut - als eines der Glieder dieses landwirtschaftlichen Organismus - im eigenen Betrieb erzeugt werden. Die biodynamischen Züchter achten daher darauf, dass die von ihnen entwickelten Sorten nachbaufähig sind. Daher werden von ihnen auch keine F1-Hybrid-Sorten gezüchtet. Andererseits geschieht die praktische Züchtungsarbeit unter den Bedingun- gen eines nach ‘demeter‘-Richtlinien anerkannten Betriebes.

Nahrung für Leib, Seele und Geist

Der zweite wesentliche Gesichtspunkt für das Aufgreifen der Saatgut- und Züchtungsarbeit bestand in der Qualitätsfrage, insbesondere hinsichtlich der Ernährung. Es ist ein wichtiges Anliegen der biodynamischen Züchter, dass die Nahrungsmittel aus ihren Sorten nicht nur der Ernährung des Leibes, sondern insbesondere auch dem seelischen und geistigen Wohl des Menschen dienen. Daneben sollen sie schmackhaft, bekömmlich und gesund sein. Im Leitbild für biologisch-dynamische Pflanzenzüchtung ist dieses Ziel, Sorten für eine menschengemäße Ernährung zu züchten, verankert (www.demeter.de).

Erhaltung und Mehrung der Biodiversität resp. genetischen Vielfalt

Den biodynamischen Pflanzenzüchtern ist dieser Gesichtspunkt ein wichtiges Anliegen. So wird nicht nur an der Züchtung von Sorten gearbeitet, die mit Zulassung durch das Bundessortenamt überregional angebaut werden können, sondern es werden auch regional angepasste Sorten entwickelt. Diese können mit geringem finanziellen Aufwand als ’Erhaltungssorte’ beim Bundessortenamt (BSA) zur Zulassung angemeldet werden. Besonders Praktiker sind aufgefordert, solche alte Sorten als wertvolle genetische Ressource anzumelden.

Eine Besonderheit stellen sogenannte Evolutionsramsche, aktuell als ‘Populationen‘ bezeichnet, dar. Hier handelt es sich um Vielliniensorten, die, wie Gemenge, im Anbau ertragsstabiler und widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten und Schädlingen sein sollen. Darüber hinaus können sie sich im Gegensatz zu einer reinen Linie an die Umweltbedingungen des Standortes mit der Zeit anpassen. Bisher konnten Populationen von Selbstbefruchtern wie Weizen, Gerste und Hafer nicht zugelassen werden, da sie nicht dem Saatgutverkehrsgesetz entsprechen, wonach eine Sorte hinreichend homogen sein muss. Derzeit sind jedoch im Rahmen einer EU-Verordnung Versuche angelaufen, solche „Sorten“ zulassungsfähig zu machen. Die Bio-Züchter haben dies bereits rege genutzt und Populationen zur Zulassung angemeldet.

Neben den genannten grundsätzlichen Gesichtspunkten spielen selbstverständlich die Züchtungsziele für eine an die Bedingungen des Bio-Landbaus angepasste Sorte die entscheidende Rolle. Diese wurden vielfach in Fachgremien diskutiert, jedoch gibt es Besonderheiten, die vor allem aus bio-dynamischer Sicht gefordert werden, wie eine spezifische Ernährungsqualität. Die Rangfolge der erwünschten Eigenschaften ist nicht einheitlich, sondern hängt zunächst von Anbauregion und Standort, von der Bewirtschaftung und von der Vermarktung ab. Die Bewertung wird auch davon beeinflusst, ob die Sorte einen ’landeskulturellen Wert’ (Saatgutverkehrsgesetz) aufweisen oder ob sie als Erhaltungs- sprich Regionalsorte diese Hürde nicht nehmen muss.

[mehr unter: Spieß H. 2016: Gesichtspunkte zur biologisch-dynamischen Getreidezüchtung. demeter A Osterseiten Getreide, März 2016, S.4-6]