Das Problem der saatgutübertragbaren Krankheiten im Öko-Landbau

Als ein wesentliches Anbauproblem im ökologischen Getreidebau hat sich in der Vergangenheit das Auftreten einiger saatgutübertragbarer Krankheiten herausgestellt, da keine üblichen Beizmittel zur Anwendung kommen dürfen. In erster Linie handelt es sich um den Weizensteinbrand (Tilletia caries), der Weizen, aber auch Dinkel befällt und maximale Ertragsausfälle von 70 bis 90 % bewirken kann. Von uns selbst wurde in Zusammenarbeit mit der Firma Dr. Schaette AG, Bad Waldsee ein richtlinienkonformes, wirksames Saatgutbehandlungsmittel entwickelt, welches als Pflanzen-stärkungsmittel TILLECUR® gehandelt wird. Die Anwendung ist jedoch mit einer Nachtrocknung verbunden, weshalb das Mittel nicht breit eingesetzt wird.

Als alternatives und sogleich nachhaltiges Verfahren der Gesunderhaltung des Saatgutes empfiehlt sich daher die Resistenzzüchtung. Ein weiteres Problem, vor allem in der Vermehrung, stellen die verschiedenen Flugbrände des Getreides dar, wie Ustilago tritici, U. nuda, U. avenae, aber auch der Hartbrand (U. hordei). Diese Erreger breiten sich vor allem im Nachbau aus. Als einzige wirksame Saatgutbehandlungen, die im Öko-Landbau derzeit zum Einsatz kommen können, sind die Warm- und Heißwasserbeizen zu nennen, die jedoch aufwändig und teuer sind. Zudem ist für diese keine geeignete Technik mehr vorhanden. Die Resistenzzüchtung ist hier die wichtigste Alternative.

Die Bekämpfung des Flugbrandes ist zum einen vor allem wegen deren Giftigkeit von hoher Relevanz. Zum anderen besteht für den Züchter und Vermehrer im Öko-Landbau das permanente Problem, dass die Vermehrungsbestände aberkannt werden, wenn sich drei bzw. fünf befallene Pflanzen auf 150 m² finden. Vorarbeiten zu saatgutübertragbaren Krankheiten bezüglich der genannten Erreger verfügt unsere Arbeitsgruppe über erhebliche Erfahrungen, da wir uns der Vorbeuge und Kontrolle dieser Krankheiten in den vergangenen Jahren mit entsprechenden Forschungsfragen gewidmet haben. Zusammenfassende Darstellungen finden sich in Spieß u. Dutschke 1991; Spieß 1996; Spieß 1999; Spieß 2003; Wilbois et al. 2005; Spieß 2006.

Es ist bekannt, dass den genannten Pflanzenkrankheiten bisher als Züchtungsziel keine Relevanz beigemessen wurde. Das spiegelt sich auch in den Zulassungskriterien des Bundessortenamtes wider, wo die Anfälligkeit der Pflanzen auf Tilletia- und Ustilago-Befall nicht berücksichtigt wird. Daher besteht ein wesentliches Ziel der ökologischen Pflanzenzüchtung in der Entwicklung resistenter Sorten. Aktuelle Untersuchungen über den Status der Anfälligkeit des derzeitigen Sortenspektrums gab es mit Ausnahme von österreichischen Sorten nicht, weshalb von uns, aber auch von Fachkollegen diese Forschungsproblematik aufgegriffen wurde. Hinsichtlich der Weizensteinbrandanfälligkeit der Winter- und Sommerweizensorten wurden von uns in den vergangenen Jahren über 300 Sorten untersucht (Spieß 2003).

Zum Teil wurden die Untersuchungen in Kooperation mit der BIOLOGISCHEN BUNDESANSTALT, INSTITUT FÜR BIOLOGISCHEN PFLANZENSCHUTZ, DARMSTADT (Wächter et al. 2005) und INSTITUT FÜR INTEGRIERTEN PFLANZENSCHUTZ, KLEINMACHNOW (Waldow u. Jahn 2005) durchgeführt. Von den 250 Winterweizen zeigten sich von den Handelssorten keine, von Genbank und bekannten resistenten Linien lediglich vier vollständig resistent. Beim Sommerweizen erwiesen sich in zwei Prüfjahren fünf Handelssorten und drei Zuchtstämme als resistent. Der Flugbrand des Weizens trat in unseren Beständen sowohl durch importierte Sorten wie sibirische Sommerweizen, aber auch ungebeizte Winterweizen von Züchterkollegen sowie durch Eintrag von Sporen in den Zuchtgarten durch Ungräser auf. Dank der aktuellen Arbeiten von Dr. Müller (2005), GETREIDEZÜCHTUNG DARZAU liegen von Winterweizen erste Ergebnisse über die Anfälligkeit des derzeitigen Sortenspektrums vor (www.darzau.de), so dass resistente Sorten bei Kreuzungen berücksichtigt werden können.

Bezüglich der Flugbrand- und Hartbrandanfälligkeit der Wintergerste begannen erste Untersuchungen mit eigenen Mitteln 2000/2001 im IBDF. Die sehr aufwändige künstliche Inokulation ergab, dass von 70 Sorten drei flugbrandfrei blieben (Klause u. Spieß 2003). Weitere Resistenzprüfungen vor allem zu Hartbrand wurden in Kooperation mit der GETREIDEZÜCHTUNG DARZAU (www.darzau.de) im Rahmen eines Forschungsauftrages der BUNDESANSTALT FÜR LANDWIRTSCHAFT UND ERNÄHRUNG (BLE) durchgeführt. Die Fortsetzung dieser Untersuchung mit der Prüfung der Anbaueignung resistenter und teilresistenter Sorten wird von uns derzeit im BLE-Projekt 03OE657 im IBDF bearbeitet, welches 2006 abgeschlossen wird.

Ganz aktuell haben wir uns der Frage der Züchtung auf Flugbrandresistenz des Hafers angenommen und 2005 einen Zuchtgarten mit Hafer angelegt. Bereits früher hat uns die Sorteneignung von Hafer für den ökologischen Anbau beschäftigt (Spieß 2000). Als Ursache, die biodynamische Getreidezüchtung auf Hafer auszudehnen, ist in erster Linie das regelmäßige Auftreten des giftigen Flugbrands zu nennen. Zum anderen ist erkennbar, dass innerhalb der Getreidearten bisher keine Züchtung nach biologisch-dynamischen Gesichtspunkten bei Spelzhafer begonnen wurde. Ein weiterer günstiger Umstand bestand darin, dass uns die BUNDESANSTALT FÜR ZÜCHTUNGSFORSCHUNG (Dr. Herrmann, Groß Lüsewitz) Populationen von drei Flugbrandresistenzkreuzungen zur Verfügung stellte. Der Haferanbau umfasste einen Vergleich von 35 Sorten, den Anbau von 24 Ramschen aus Groß Lüsewitz, Selektionen von Hof- PANTHER und Hof-ERBGRAF sowie ein Sortiment von 50 flugbrandresistenten Genbankherkünften. Gleichzeitig wurden neue Kreuzungen angelegt. Die Züchtungsziele sind momentan auf die Flugbrandresistenz, hohe Korngröße und geringen Spelzenanteil ausgerichtet, müssen aber künftig noch weiter ausgearbeitet werden.

Saatgutgesundheit

Alternative Saatgutbehandlung im ökologischen Landbau

Mit Inkrafttreten der Verordnung (EG) Nr. 1452/2003 Anfang 2004 wurden die Möglichkeiten des Rückgriffs auf nicht ökologisch erzeugtes Saatgut im Ökologischen Landbau einschränkt. Der damit einhergehende vermehrte Einsatz von Öko-Saatgut neben der gleichzeitig stattfindenden Ausdehnung des Ökologischen Landbaus steigert die Bedeutung gesunden Saatgutes für den erfolgreichen ökologischen Ackerbau. Derzeit stehen im Ökologischen Landbau neben vorbeugenden Maßnahmen wie z. B. Reinigung, Sortenwahl oder Saatzeitpunkt eine Reihe verschiedener Saatgutbehandlungsverfahren zur Verfügung, die allerdings unterschiedlich weit für die landwirtschaftliche Praxis entwickelt und für den Anbauer sowie Saatgutproduzenten einsetzbar sind. Für die Anwendung im Ökologischen Landbau sind prinzipiell verschiedene physikalische Verfahren wie z. B. Heiß- oder Warmwasserbeizung sowie die Anwendung von Stoffen natürlicher Herkunft wie Milchpulver, pflanzliche oder Mikroorganismenpräparate geeignet.