Pflanzengesundheit im ökologischen Landbau

Der ökologische Landbau versteht sich als ganzheitliche Bewirtschaftungsmethode, welche den landwirtschaftlichen Betrieb als einen Organismus betrachtet. Wesentliches Kriterium eines Organismus ist, dass alle seine Glieder in wechselseitigen, rückgekoppelten Verhältnissen stehen und sich gegenseitig bedingen. Alle einzelnen Bewirtschaftungsmaßnahmen werden deshalb mit Rücksicht auf das Ganze des Betriebes ausgerichtet und zielen darauf ab, den Betriebsorganismus hinsichtlich Fruchtbarkeit und Gesundheit zu entwickeln.
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es, allgemein gesehen, Gesundheit schlechthin nicht gibt. Alle Lebewesen müssen Gesundheit selbst im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit der Umwelt fortwährend neu erzeugen. Gesundheit ist demnach als dynamischer Prozess der Gesunderhaltung aufzufassen.
Die gegenwärtige Praxis zeigt, dass auch im ökologischen Pfanzenbau regelmäßig Pflanzenerkrankungen auftreten. Letztere können sehr unterschiedliche Ausmaße hinsichtlich der Befallshöhe erreichen. Bei leichten Erkrankungen reicht häufig der "Selbstschutz" der Pflanze aus, um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Schwere Erkrankungen dagegen machen es notwendig, entweder der Pflanze mit dem Einsatz von Pflanzenstärkungs- und anderen zugelassenen Mitteln zu ihrer Gesundheit zu "verhelfen", oder die Pflanzen unterliegen den Krankheiten mit der Folge hoher Ertragsverluste und Qualitätseinbußen.
Hinsichtlich der Bedeutung der Blatt- und Ährenerkrankungen gibt es im ÖL eine stark unterschiedliche Gewichtung. Blattkrankheiten wie Mehltau, Rost, Septoria oder DTR/HTR treten auch im ökologischen Getreidebau auf, bleiben aber in der Regel deutlich unterhalb einer Schadschwelle. Daher reichen unter den gegenwärtigen Bedingungen die heute in den Sorten etablierten Resistenzen für den ÖL aus. Sorten, die in Feuchteregionen angebaut werden sollen, müssen jedoch im Züchtungsgang auf die Widerstandfähigkeit gegen Ähren-Fusariosen getestet werden. Auch wenn bisher im ÖL keine bedenklichen Werte bei Fusarientoxinen am Korn bekannt wurden, ist wegen der Gefährlichkeit dieser Toxine eine hohe Widerstandsfähigkeit der Sorten im Zuchtziel verankert.
Gegenüber den Blattkrankheiten haben die saatgutübertragbaren Getreidebrände im ÖL eine große Bedeutung erlangt, weil eine Beizung mit hochwirksamen Fungiziden unterbleibt. Eine Bekämpfung ist jedoch zwingend notwendig, weil Ertragseinbußen eintreten und die Sporen toxikologisch bedenklich sind. Zudem droht der Saatgutvermehrung Schaden, denn bereits mehr als drei bzw. fünf befallene Pflanzen pro 150 m² führen zur Aberkennung des Basis- bzw. Z-Saatgutes. Resistente Sorten stehen kaum zur Verfügung, denn wegen der Saatbeizung bestand für die Züchtung seit Jahrzehnten keine Notwendigkeit, sich einer Resistenzzüchtung zu widmen. Das spiegelt sich auch in den Zulassungskriterien des Bundessortenamtes wider, in denen die Anfälligkeit der Sorten auf Brandkrankheiten nicht berücksichtigt wird. Ein wesentliches Ziel der ökologischen Pflanzenzüchtung besteht daher in der Entwicklung resistenter Sorten. Aktuelle Untersuchungen über den Status der Anfälligkeit des derzeitigen Sortenspektrums gab es mit Ausnahme österreichischer Sortentests nicht. In Deutschland wurde deshalb vorwiegend von biodynamischen Züchtern diese Forschungsproblematik aufgegriffen. In erster Linie handelt es sich um den Weizensteinbrand (Tilletia tritici), der von Einkorn bis Dinkel alle Weizenformen befällt und maximale Ertragsausfälle von 70 bis 90 % bewirken kann. Zwar steht mit Tillecur® ein richtlinienkonformes, wirksames Saatgutbehandlungsmittel der Dr. Schaette AG, Bad Waldsee zur Verfügung, dennoch empfiehlt es sich als nachhaltiges Verfahren der Gesunderhaltung des Saatgutes, die Resistenz der Sorten einzubeziehen. Im Hinblick auf den Einsatz wenig anfälliger Sorten zeigten Untersuchungen von rd. 160 Winterweizen in 2002-2006, dass lediglich acht Weizen unter 1% Befall blieben. Von 64 untersuchten Sommerweizen in 2001 und 2002 waren sechs Sorten befallsfrei getestet. Beim Zwergsteinbrand (T. controversa) stellt wegen der bodenbürtigen Infektion und kaum wirksamer Saatgutbehandlungsmittel der Einsatz resistenter Sorten die wichtigste Alternative in der Krankheitskontrolle dar. Um eine vergleichbare Problematik handelt es sich beim Flugbrand des Weizens (Ustilago tritici) und der der Gerste (U. nuda). Das im Inneren des Kornes sitzende Myzel ist nur mit thermischer Saatgutbehandlung zu bekämpfen, wobei kaum eine geeignete Technik vorhanden ist. Während bei Weizen auf eine größere Anzahl Sorten für eine Resistenzzüchtung im ÖL zurückgegriffen werden kann, sind es bei der Gerste nur vereinzelte. Der Hartbrand der Gerste (U. hordei) stellt ein geringeres Problem dar, wogegen beim Haferflugbrand (U. avenae) eine Resistenzzüchtung notwendig erscheint. Von den derzeit zugelassenen Hafersorten zeigte nur ’Neklan’ einen hohen Resistenzgrad.

